PUR Interview - Regieren immer noch die alten Denkmuster in den Köpfen der Deutschen?

Im Februar 1994 musste der deutsche Journalist und Buchautor Alfons Sarrach seine 18jährige indische Tochter, eine begabte Geigerin, nach einem Nervenzusammenbruch ins Ausland bringen. Was er und seine Frau nicht wahrhaben wollten, stellte sich als bedrückende Wirklichkeit heraus. Das Mädchen war über Jahre seelischen Misshandlungen mit rassistischem Hintergrund ausgesetzt gewesen. Eine Schule in Nordengland bot ihr daraufhin einen Studienplatz an. Ihr Vater begleitete sie dabei. Er, der drei indische Adoptivkinder angenommen hatte, war mit seinem Vorhaben, in Deutschland einen Beitrag für eine neue Zivilisation zu leisten, gescheitert. Seine eigene Kindheit vor 50 Jahren in Danzig hatte ihn eingeholt... In seinem neuen bewegenden Buch "Weine über Deutschland, mein Kind" (192 Seiten, gebunden, Edition S., 32,00 DM) hat Alfons Sarrach, in katholischen Kreisen durch seine Bücher "Komm Thomas, lege deine Hand an meine Seite", "Der prophetische Aufbruch von Medjugorje", "Medjugorjes Botschaft vom dienenden Gott" und "Die Madonna und die Deutschen" bestens bekannt, diese Erfahrungen verarbeitet. Unser Redakteur Bernhard Müller sprach mit dem 1927 geborenen Autor über sein neuestes Werk.

PUR: Was wollen sie mit Ihrem neuen Buch bewirken?

Alfons Sarrach: Vor allem will ich die Denkmuster benennen, die in Deutschland existieren und darauf aufmerksam machen, dass ihre Bewältigung notwendig ist, wenn wir unsere Geschichte bewältigen wollen. Wir haben nach dem Zweiten Weltkrieg zwar die politischen Strukturen geändert, wir haben die nationalsozialistische Idee beseitigt und wir haben versucht unsere Vergangenheit historisch aufzuarbeiten, aber die Denkmuster von damals sind geblieben. Meine indische Adoptivtochter hat das in den letzten Jahren auf eine brutale Weise durchgemacht und ist deshalb auch verbittert aus Deutschland weggegangen. Hier wurde ihre außerordentliche Begabung verkannt, in England, wo sie heute lebt, wurde sie hingegen erkannt und gefördert. In Deutschland herrschen immer noch die alten Denkmuster vor, eine Inderin könne und dürfe nicht besser sein, als wir Deutsche.

PUR: Ist ihr neues Buch als Roman geschrieben oder handelt es sich um ein Sachbuch?

Alfons Sarrach: Eigentlich ist es eine Mischung. Es ist eine Biografie meiner Tochter und meine Autobiografie, geschrieben ist es stilistisch dabei in Romanform.

PUR: Aber der Inhalt ist keine Fiktion?

Alfons Sarrach: Nein, der Inhalt entspricht den Tatsachen bis ins kleinste Detail. Nur Namen von Lehrern beispielsweise habe ich nicht genannt. Es gibt eine erschreckende Parallele zwischen dem Schicksal meiner Tochter und meinem persönlichen Schicksal 1939, so dass ich zu der Auffassung kommen musste: Es hat sich im Grunde genommen nichts verändert.

PUR: Wie denken Sie, wird im konservativ-katholischen Milieu, in dem Sie sich in den letzten Jahren als Buchautor einen Namen gemacht haben, Ihr neues Werk aufgenommen werden?

Alfons Sarrach: Zum Teil sind auch diese Menschen den alten Denkmustern verfallen, ohne sich darüber bisher Gedanken gemacht zu haben. Auch für sie wird dieses Buch eine Herausforderung werden.

PUR: Müssen auch die Gläubigen der katholischen Kirche hier noch einiges Aufarbeiten?

Alfons Sarrach: Ja, sehr viel. Meine Tochter hat ja auch in der katholischen Kirche furchtbare Erfahrungen gemacht. So hat eine liebenswürdige, fromme und gute Ordensschwester, in deren Haus wir oft in Ferien waren, nebenbei einmal zu meiner Tochter gesagt: "Aber eines muss ich dir schon sagen, Mädel, ich könnte eine indische Oberin auch nicht akzeptieren!" Das hat meine Tochter schwer getroffen und verletzt, obwohl dies sicherlich nicht die Absicht der Ordensfrau war.

PUR: Da könnte man aber auch gegenfragen, ob ihre Tochter nicht auch ein bisschen überempfindlich ist?

Alfons Sarrach: Das habe ich auch getan. Und da sagte sie mir: "Weißt du Papa, du bist nicht Inder und nicht farbig. Vieles registrierst du gar nicht". Wenn wir in der Welt von morgen bestehen wollen, müssen wir zusammenarbeiten. Das ist ja auch Darwins und der Evolutionstheorie großer Irrtum, dass die Evolution in Wahrheit nicht durch Ausbeutung und Durchsetzungskraft, sondern durch Kooperation vorangekommen ist: Das Leben hat sich gegenseitig geholfen und nicht bekämpft.

PUR: Allgemein macht sich eine Stimmung breit, die jügst auch von Bundeskanzler Schröder und der Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion Friedrich Merz geäußert haben, jetzt müsse Schluss sein mit der Aufarbeitung der Nazi-Zeit, die junge Generation habe damit nichts mehr zu tun.

Alfons Sarrach: Ja, ich kenne das. Aber die Menschen der Stadt Liverpool sind sich erst heute, nach 300 Jahren bewusst geworden, dass sie Zentrum des Sklavenhandels waren und Millionen von Menschen schuldig geworden sind. Dort ist jetzt eine fanatische Aufarbeitung im Gange, die Liverpooler haben Abbitte geleistet, Denkmäler errichtet usw. Es ist ein großer Trugschluss der Deutschen, wenn sie jetzt einen Schlussstrich fordern. Täter und ihre Nachkommen möchten natürlich gerne vergessen, aber können das auch die Opfer und ihre Nachkommen? Es gibt auch Traumatisierungen, die an spätere Generationen weitergegeben werden. Und da kommen wir zu einer Urwahrheit der Bibel, die sagt: "Bis ins 6. und 7. Geschlecht werden sich deine Sünden auswirken!" Oder der Segen!

PUR: Fürchten Sie für die Zukunft, dass sich soetwas wie im 3. Reich, in anderer Form natürlich - wir leben ja auch in einer anderen Zeit - ,wiederholen könnte? Dass die alten rassistischen Denkmuster wieder an die Macht kommen?

Alfons Sarrach: Ja, ich fürchte das jeden Augenblick, denn diese Denkmuster sind so tief verwurzelt, dass es gar keines großen Anstoßes bedarf, um sie wieder zu aktivieren. Die Reaktion auf die Regierungsbeteiligung der Haider-Partei, die ganz zweifellos eine absolute Überreaktion ist, zeigt, dass das Ausland zwar den Hund schlägt, aber den Herrn meint. Die schlagen auf Haider, aber Angst haben sie vor dem vereinigten Deutschland.

PUR: Ist diese Angst berechtigt?

Alfons Sarrach: Ja, ich glaube schon, weil dem deutschen Volk durch den Ost-West-Konflikt gar keine Chance gegeben wurde, seine jüngste Vergangenheit aufzuarbeiten. Den man brauchte die "DDR" um gegen den Westen ein Bollwerk zu haben und der Westen brauchte die Bundesrepublik um ein Bollwerk gegen den Osten zu haben. Wenn es damals tatsächlich zu einem Ost-West-Konflikt gekommen wäre, wären wir ja auch als erste dran gewesen, man hätte uns ausgelöscht.

PUR: Glauben Sie, dass Ihr Buch wirklich etwas bewirken kann?

Alfons Sarrach: Ich hoffe doch. Ich will erreichen, dass man jetzt anfängt ganz offen über bestimmte Dinge zu sprechen. Eine junge Studentin aus Heidelberg erzählte mir kürzlich, durch Zufall habe sie eine Todesanzeige ihrer Großmutter gefunden, die diese nach dem Kriegstod ihres Mannes aufgegeben hatte. Dort schrieb sie: 'In stolzer Trauer'. Die Studentin fragte sie: "Was heißt hier 'in stolzer Trauer'"? Bis heute weigert sich die Großmutter über diese Zeit mit ihr zu sprechen. Durch mein Buch soll die Wahrheit, die die letzte Generation ihren Kindern vorenthalten hat, ans Licht gebracht werden. Wir Deutschen meinen immer noch, wir müssten immer die ersten sein. Warum? Meldet sich da nicht der alte Übermensch zu Wort? Warum nicht Gleiche unter Gleichen? Auch in unseren Medien geht es ständig darum, dass Deutsche im Sport und in allen anderen Bereichen immer die "Nummer eins" sind. Aber in diesem Denken liegt eine große Gefahr. Die Welt ist angewiesen auf Kooperation, nicht auf Konfrontation.

PUR: Wir danken herzlich für das Gespräch.

 

 

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