Alfons Sarrach - Weine über Deutschland, mein Kind:

Buchvorstellung im "Hamburger Abendblatt":

von RUTH KASTNER

Sie wird in Bangalore geboren und wächst bei Adoptiveltern in Deutschland au. Bis zu ihrem 18. Lebensjahr. Dann bringt der Vater seine begabte Tochter nach England. Weil ein latenter Rassismus ihr hier keine Chance gab.

"Ich freue mich darauf, nach Deutschland zu kommen", antwortet der junge Mann im südindischen Bangalore dem Reporter und strahlt in die Kamera. So positiv ist er eingestellt und so voller Erwartung.

"O Gott", denkt Alfons Sarrach, der im Fernen Deutschland vor seinem Fernseher die Szene verfolgt. Was wird der junge Mann hier erleben? Tausende indische Computerexperten sollen in den kommenden Monaten mit einer Greencard nach Deutschland kommen, in ihrer Begleitung Frauen und Kinder.

"Wie werden die Deutschen diesen Menschen entgegentreten? Als Vertreter der westlichen (indo-germanischen) Zivilisation oder als vermeintlich minderwertigen Personen aus der Dritten Welt?" Der junge Mann und all die anderen, die so gerne kommen wollen, wären womöglich für ihr Leben traumatisiert. "Wir können diese Leute nicht wie ein Postpaket empfangen und bei Bedarf wieder zurückschicken", mahnt Alfons Sarrach, "die Deutschen müssen sich auf diese Menschen einlassen." Sie kommen aus einer hochstehenden Kultur. "Wenn Sie durch die Straßen von Bangalore gehen, meinen Sie, sie seien in Paris", schwärmt der 72-jährige.

Alfons Sarach spricht aus leidvoller Erfahrung. Vor mehr als 22 Jahren hat er seine Tochter Meena adoptiert. Ein Mädchen aus Bangalore, das von einer Unbekannten unter einer Palme im Stadtzentrum ausgesetzt worden war. Er hat sie mit nach Deutschland genommen, nachdem ihm Meena von Freunden auf dem Flughafen von Bangalore in die ausgebreiteten Hände gelegt worden war.

Im Februar 1994, sie ist inzwischen knapp 18 Jahre alt, muss der Adoptivvater seine geliebte Tochter außer Landes bringen. Das empfindsame Mädchen ist mit den Nerven am Ende. Letztes Glied in einer Kette von Erniedrigungen ist ihr Zeugnis in der 12. Klasse. Mit ihren schlechten Noten wird sie niemals Abitur machen können. "Für mich ist hier kein Platz", sagt sie unter Tränen, und dieser Satz schreckt die Eltern endlich auf. Dann fängt die Tochter an zu erzählen, was sie früher immer wieder angedeutet hatte, was die Eltern aber nie glauben mochten. "Die Verzweiflung in ihren Augen wollten wir nicht wahrhaben", notiert der Vater in seinem Buch "Weine über Deutschland, mein Kind". Hatte er doch geglaubt, dass in Deutschland die Vorurteile gegenüber Menschen aus anderen Kulturkreisen längst überwurden seien. Er hat sich gründlich getäuscht.

Und Meena hat unsäglich gelitten. Während ihrer gesamten Schulzeit, angefangen gleich am ersten Schultag 1982. Sie fühlt sich "einer Atmosphäre der Verneinung, der inneren Ablehnung, ständiger gezielter Verunsicherung von oben und von unten" ausgesetzt. Die dunkelhäutige Inderin mit den großen Augen ist ein begabtes Kind, sie kann mit viereinhalb Jahren lesen, spielt seit dem fünften Lebensjahr Geige. In der Schule aber darf sie eine Klasse nicht überspringen, weil "die Eltern der deutschen Kinder das nicht hinnehmen werden", meint der Lehrer. Natürlich spricht sie ein wunderschönes Deutsch, das ist ja ihre Muttersprache. Der Vater ist Journalist, die Mutter Germanistin. Meena ist eine Leseratte. Die Lehrer trauen ihr aber allenfalls eine praktische Lehre zu, keine Musik, keine Literatur, keine Kreativität. "Das hat dir deine Mutter geschrieben", wird behauptet, als sie eine gute Hausarbeit vorlegt. Kälte und Gefühllosigkeit erlebt Meenas Mutter Anneliese, als sie mit den Lehrern über die schulischen Aussichten der Tochter spricht.

"Vor mir stand ein erwachsenes, reifes, wissensdurstiges Mädchen. Nicht in Indien, in wirtschaftlich fortschrittlichen Deutschland sollte sie um ihre Zukunft gebracht werden", schreibt Sarrach. Das wollen die Eltern keinesfalls zulassen. Deswegen werden sie Meena nach England bringen. Sie wird in Casterton die renommierte Mädchenschule besuchen und 1996 dort das Abitur machen.

Aber zunächst geht sie für ein halbes Jahr nach Indien, nach Bangalore, in ihre unbekannte Geburtsstadt. Sie spielt Geige, vervollkommnet ihr Englisch, fühlt sich das erste Mal von Fremden angenommen, wird nicht mehr systematisch verunsichert. Mit Deutschland verbindet sie noch das Elternhaus und eine schroff zurückgewiesene Liebe.

Mittlerweile studiert Meena im vierten Jahr Musikwissenschaft und Geige (für die Bühnenlaufbahn) am Universitäts-Konservatorium in Birmingham - unter der Obhut von Sir Simon Rattle. Sie hat ihren Bachelor of Arts gemacht und soll heute die Aufnahmeprüfung für den Mastercourse bestehen. Meena schreibt inzwischen englische Briefe an ihre Eltern, sie gilt in Birmingham, der Stadt mit einem Ausländeranteil von mehr als 30 Prozent, längst als Engländerin.

"Meena ist ein Mensch der kulturellen Weite geworden", stellt ihr Vater heute mit Genugtuung fest, "eine junge Frau aus der Welt von morgen." Das war ihr im deutschen Fulda nicht vergönnt.

 

 

Zurück zur Startseite